Auf den ersten Blick kann der Begriff „Brauchtum“ ein bisschen angestaubt wirken. Irgendwelche Rituale, die hauptächlich von alten Leuten gepflegt werden, und die völlig aus der Zeit gefallen sind. Aber ist das wirklich (noch) so? Oder hat das Brauchtum schon immer einen festen Platz im alltäglichen Leben aller Altersgruppen gehabt oder sich gar in den letzten Jahren wieder eine wichtigere Rolle zurückerobert?
Wir vier Mädels vom Club LiterAUTur (Ascari, Lisa, Nicole und ich) haben uns auf die Suche gemacht nach Büchern, in denen österreichisches Brauchtum eine Rolle spielt. Ich habe Jagertee, Almdudler und Achterl Wein rot und weiß neben eine „Brettljause“ mit Speck, Käse, Aufstrichen, Essiggurken und frischem Bauernbrot gestellt (ein paar Nürnberger Laugebrezen vom Brezen Kolb hab ich auch dazu gemogelt). Im Hintergrund erklingt leise Schrammelmusik (für Inspiration auf Youtube „Klickt bitte hier“ ). Greift zu und lasst hören, was ihr an Büchern mit österreichischem Brauchtum dabei habt.
Zuerst hat Nicole das Wort:
Ich mag unser Brauchtum. Auch dann, wenn es ein bisserl altmodisch, abergläubisch oder auf den ersten Blick völlig unlogisch wirkt. In Österreich sind Bräuche oft von Region zu Region verschieden, aber im Kern ähneln sie sich: Sie haben mit Glauben, Tradition und oftmals mit Alpenmystik zu tun. Irgendwie gehört das alles einfach zu uns dazu. In den Rauhnächten gilt es etliche Regeln zu befolgen, die im Übrigen sogar von Familie zu Familie variieren können. Es handelt sich dabei um die Zeit zwischen dem Heiligen Abend und dem Dreikönigstag, die das Böse durchlässt, wenn man zu leichtfertig ist. In den “strengen” Rauhnächten ist es der Brauch, mit Weihrauch und Weihwasser auszuräuchern, ein Vaterunser und ein Ave-Maria zu beten und keinesfalls Wäsche aufzuhängen. Und dazu habe ich “Rauhnächte” vom Autorenduo Ulrike Gerold und Wolfram Hänel mitgebracht:

Zum Buch: “Junge Frauen verschwinden. In diesen magischen Nächten zwischen den Jahren. Nach zwölf Tagen kehren sie zurück, verwirrt und verstört. Zwei von ihnen haben es nicht mehr ausgehalten, sie gingen freiwillig in den Tod. Andere sind aus dem Tal weggezogen und nie wieder zurückgekehrt. Die wenigen, die geblieben sind, schweigen. Als Lisa an Weihnachten zu ihren Großeltern ins Tal fährt, ist wieder ein Mädchen verschwunden. Warum spricht niemand darüber?” (Klappentext laut Verlag)
„Rauhnächte“ ist ein atmosphärischer Thriller, der sich eher wie ein Krimi liest. Die dörfliche Gemeinschaft, das ungesagte Wissen und die winterliche Kulisse erzeugen ein bedrückendes Ambiente.
Die brauchtumsschwangere Kulisse ist fühlbar beschrieben. Gerade wer selbst schon einmal in einem verschneiten Alpendorf war, wird sich sofort in die Szenerie hineinversetzt fühlen. Es gibt Touristenhotels, Liftanlagen, kleine Pensionen und ein engmaschiges Dorfgefüge, in dem jeder jeden kennt. Dabei werden Geheimnisse äußerst gut gehütet. Die Mischung aus Urlaubsromantik und spürbarer Bedrohung ist eines der stärksten Elemente des Romans.
Wer subtile, vom Brauchtum inspirierte Spannungsgeschichten mit regionalem Flair mag, wird mit diesem Thriller spannende Lesezeit haben.
Oh ja, wichtige Regeln für die Rauhnächte, wie dass man keine Wäsche waschen darf, kenne ich auch. Es heißt, was man in diesen 12 Nächten träumt, geht im folgenden Jahr in Erfüllung. Da bleibt zu hoffen, dass dieser atmosphärische Thriller nur gute Träume hervorruft! Ich bin auf jeden Fall sehr neugierig geworden, was den verschwundenen Mädchen widerfahren ist!
Als nächstes zeigt uns Lisa eine spaßige und zugleich mörderische Variante des Brauchtums:
Bevor ich mit meiner Buchvorstellung starte, ein kräftiges „lei lei“ aus Villach!
Offiziell haben wir die fünfte Jahreszeit bereits hinter uns gelassen, aber es war wieder eine voller Spaß, guter Laune und jeder Menge Pointen. Man kann sagen, der Villacher Fasching ist eine Institution, die aus dem Kärntner, wobei auch aus dem österreichischen Kulturbereich nicht mehr wegzudenken ist.
Seine Anfänge hat der Villacher Fasching 1955, der den seit 1910 veranstalteten Bauernball ablöste. 1961 wurde die erste Villacher Faschingssitzung durchgeführt und schon diese wurde vom Rundfunk übertragen. Seit 1963 ist die Ausstrahlung der Höhepunkte des Villacher Faschings Fixpunkt im österreichischen Fernsehen. Jedes Jahr kann der Österreicher und all jene, die den ORF empfangen am Faschingsdienstag das Narrentreiben aus Villach im Fernsehen mitverfolgen. Ein wahrer Fixpunkt auch für heimische Prominente aus unterschiedlichsten Bereichen. (Quelle Wikipedia)

In „Wer zuletzt lacht“ von Wilhelm Kuehs, der euch die Anfänge des Villacher Faschings sicherlich noch besser erklären kann, wird plötzlich der Villacher Bürgermeister ermordet. Und das ausgerechnet bei einer Faschingssitzung. Wer könnte ein Motiv haben? Stammt der Täter aus dem privaten Umfeld, oder findet man diese Person doch im beruflichen Umfeld des Politikers?
Für mich ein unterhaltsamer Lokalkolorit, der die eine oder andere politische, örtliche und kulturelle Gegebenheit mit sich bringt. Aber auch die Auflösung hinsichtlich des Täters schön bis zum Schluss hinauszögert.
Ein guter Krimi für zwischendurch. Für mehr über meine Meinung zu diesem Krimi kommt hier meine Rezension.
Ich gehöre zu den ausgemachten Faschingsmuffeln, aber in Kombination mit einem toten Bürgermeister ist dieser Brauch dann doch ganz nach meinem Geschmack. Und das Cover von “Wer zuletzt lacht” finde ich persönlich übrigens besonders schön.
Liebe Lisa, Auf dein „lei lei“ antworte ich mit einem “Ahaaa!”, was hier in der Nürnberger Gegend als “Schlachtruf” für Fasching verwendet wird. Wer sich tiefer in die Faschingsmaterie einarbeiten will, dem kann ich die Wikipedia-Seite für österreichische und deutsche Narrenrufe (nicht vollständig, aber trotzdem sehr lang und fantasievoll) ans Herz legen.
Auch Ascari hat ein Buch für uns, das sich mit dem Fasching beschäftigt, und zwar speziell dem im Ausseer Land.
Auch wenn Alfred Komarek vor mittlerweile zwei Jahren verstorben ist, gilt der Autor durch seine Weinviertel-Krimis mit dem schrulligen Inspektor Polt wohl als Meister des leisen, österreichischen Krimis. Dass der Autor aber auch anders konnte, hat er durch seine vierteilige Romanreihe mit dem Journalisten Daniel Käfer bewiesen. „Narrenwinter“ ist der dritte Band aus dieser Reihe, mit der Komarek seiner Geburtsregion Aussee ein kleines Denkmal gesetzt hat.

Ich habe jetzt gezielt zu diesem Band gegriffen, weil er ein ganz bestimmtes Brauchtum in den Fokus rückt, das oft hinter dem Villacher Fasching unsichtbar wird: Der Ausseer Fasching.
Käfer, der nach dem Verlust seiner Arbeit auf der Suche nach einer neuen Herausforderung ist, ist nämlich genau zu dieser Zeit mit seiner Freundin in Aussee, die als Fotografin die verschiedenen Bräuche auch beruflich mit der Kamera einfangen will. Beim Treffen mit den Einheimischen freundet er sich mit einigen von ihnen an und kommt dabei auch mit einem Geheimnis in Berührung …
Vermutlich klingt diese Zusammenfassung jetzt ein bisschen nichtssagend, aber ich denke, in diesem Buch ging es Komarek mehr darum, die Menschen der Region zu porträtieren, die sich zwischen Faschingssonntag und Faschingsdienstag in das bunte Treiben stürzen. Und eins kann ich auf jeden Fall sagen: Auch ich habe damit einiges über den Ausseer Fasching gelernt, denn es gibt hier verschiedene Gruppen, die zum Teil schon seit 200 Jahren Umzüge veranstalten: Gekannt hatte ich bisher nur die Trommelweiber, man kann aber auch die sogenannten Flinserl und die Pless erleben! Der Autor hat es hier sehr geschickt verstanden, die Bräuche (beispielsweise das Verlesen der Faschingsbriefe) vorzustellen, indem er seine Protagonisten aktiv in die Ereignisse vor Ort eingebunden hat. Denn Käfer macht sich nun auf die Suche, um das Geheimnis zu lösen, und kommt damit mehrmals in Kontakt mit den „Maschkera“ (den maskierten Faschingsgruppen), die Aussee unsicher machen. Dass er dabei nicht immer nüchtern bleibt – schätze, das ist in diesem Kontext auch nachvollziehbar …
Ich habe nach dem Lesen des Buchs den Ausseer Fasching schlussendlich gegoogelt – und habe mich dann ernsthaft gefragt, warum dieser Fasching eigentlich so wenig bekannt ist, denn er gehört immerhin seit 2016 schon zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO. Wenn ihr jetzt ein bisschen mehr erfahren möchtet, dann hier entlang: Fasching im Ausseerland. Dort sind auch Fotos der Faschingsgruppen zu sehen!
Wie schön, dass sowohl Lisa als auch Ascari lesenswerte Bücher entdeckt haben, die das Thema Fasching in unterschiedlichen Varianten aufgreifen. Nachdem die Hoch-Zeit des Faschings gerade erst hinter uns liegt, ist das so aktuell wie nur möglich.
Ich habe zum Schluss noch eine andere Facette österreichischen oder alpenländischen Brauchtums, die mir als erstes eingefallen ist, weil sie sofort ins Auge sticht: Die Tracht. Und dazu habe ich mich wie Ascari in Bad Aussee herumgetrieben.

Darum geht’s in “Göttinnensturz” von Anni Bürkl:
Die Leiche einer Frau treibt im Wolfgangsee. Sie wurde mit der Schürze ihres Dirndls erdrosselt. Als Berenike Roither, die Betreiberin eines Teesalons, erkennt, wer da ermordet wurde, rutscht ihr das Herz in die Hose. Denn am Abend zuvor hatte Berenike mit der Getöteten einen handfesten Streit und ausgerechnet Berenikes Lebensgefährte Jonas ist der ermittelnde Polizist.
Das Ausseer Dirndl (hier gibts mehr Infos dazu und auch Fotos) ist dreifarbig und die Farben bedeuten
Der grüne Leib: Wald & Wiesen
Der rosa Kittel: Almröschen
Die lila Schürze: Enzian
Klingt naturnah und entspannt, aber in “Göttinnensturz” werden Teile von Trachtenmode als Mordwaffen benutzt – Mehrzahl, denn bei dieser einen Leiche bleibt es nicht. Berenike Roither ermittelt hier in ihrem vierten (von bisher sieben) Krimis, aber man muss die Vorgängerbände nicht unbedingt kennen, um bei “Göttinnensturz” gut zurecht zu kommen. Weil Berenike keine Polizistin ist, sondern quasi als Hobby ihre Nase in Kriminalfälle steckt, bleibt genug Zeit, um die Region, die Ortsbewohner und auch das traditionelle Narzissenfest etwas näher zu betrachten, das in diesem Jahr zum 66. Mal gefeiert wird (mehr dazu gibt’s hier).
Und wer meine komplette Rezension zum “Göttinnensturz” lesen möchte, der klickt bitte hier.
Damit sind wir auch schon am Ende unseres Februar-Treffens. Satt, etwas beschwipst und mit Leseempfehlungen versorgt trödeln wir gemütlich nach hause.
Das nächste Mal wird sich der Club LiterAUTur am 17. Mai bei Lisa treffen. Und weil genau da eine bedeutende musikalische Veranstaltung in Wien stattfinden wird, haben wir uns passend dazu das Thema “Ohrwurm” (Ein Buch, in dem Musik eine Rolle spielt) vorgenommen. Bis dahin lasst es euch gutgehen und pflegt und hab Spaß an euren Traditionen!