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Eine Randbemerkung von Isabelle Rowan – A Note In The Margin #1

28264044Darum geht’s:

John McCann ist ein Workaholic, dem der ständige Stress zunehmend gesundheitliche Probleme macht. Sein Arzt verordnet ihm ein Jahr Auszeit, die er in dem kleinen Buchladen verbringen will, den er gerade gepachtet hat. Natürlich muss das verstaubte Geschäft erst einmal aufgemöbelt und gewinnoptimiert werden. Und der Penner, der in der Ecke mit den Second Hand Büchern den ganzen Tag liest, muss auch schnellstens weg.

So fand ich’:

John hat seine Gefühlswelt effektiv begraben. Er denkt nur in Zahlen und Fakten und lässt sogar mit seiner Langzeitfreundin nur eine oberflächliche Zweckbeziehung zu. Sex ist manchmal erforderlich, um einen Hunger zu stillen, aber Bindungen zu Menschen hat John nicht. Das ändert sich, als er den kleinen Buchladen übernimmt und im Gesamtpaket nicht nur den liebenswert-aufgedrehten Jamie als Mitarbeiter bekommt, sondern auch den Obdachlosen David plötzlich täglich in seinem Leben und in seinem Laden hat. John sieht sich gezwungen, sich mit David und dessen Leben auseinanderzusetzen und entdeckt dabei, dass die beiden Männer doch einiges gemeinsam haben.

Davids Methode, Probleme zu lösen, ist, vor ihnen wegzulaufen. Das macht es allen schwer, dem scheuen Mann ohne Selbstbewusstsein zu helfen. Es erfordert viele kleine schmerzhafte Schritte und dieser Weg verändert auch John.

Hauptsächlich wird aus der Sicht von John erzählt, aber auch andere Personen kommen immer mal zu Wort. Dieser Erzählerwechsel passierte manchmal sehr abrupt und irritierte ein bisschen, jedoch war immer sehr deutlich, wessen Perspektive wir gerade sehen.

Johns Dauerfreundin Marian hat für ihn offensichtlich keine echte Bedeutung und er trennt sich sehr leicht von ihr. Das passierte so unauffällig, dass mir lange Zeit nicht klar war, dass diese Trennung überhaupt stattgefunden hatte. Eine ganze Weile befürchtete ich, sie würde auf der Bildfläche erscheinen und der Meinung sein, sie wäre nach wie vor in einer Beziehung mit John.

Besonders Davids Schicksal und sein Leben auf der Straße ergreift einen emotional und man fühlt mit David. Genau wie John muss man sich selbst eingestehen, dass man diese und andere Randgruppen nur zu gerne übersieht und die Menschen, die hinter der zerlumpten Fassade stecken, einfach ignoriert. Man hofft mit John, dass David den Absprung schafft, teilt oft genug seine Hilflosigkeit und man freut sich über jeden Auftritt des sonnigen und herzlichen Jamie. Diese Story packt einen sofort und es ist nicht möglich, Distanz zu wahren, denn man wird hautnah mit den tiefen Gefühlen konfrontiert und erschüttert.

Vieles aus Davids Vergangenheit bleibt vage, doch das hat mich nicht gestört. Schließlich wird er sich auch erst selbst langsam darüber klar, was mit ihm passiert ist. Die therapeutische Begleitung durch Barbara und die Sicherheit, die John und Jamie ihm geben, tauen ihn langsam auf und lassen ihn stark werden. Die vielen Rückschläge gehören einfach dazu, auch wenn sie alle Beteiligten einschließlich der Leser gehörig frustrieren.

Insgesamt hat mich diese unspektakuläre, aber tief emotionale Geschichte ergriffen und mit großem Ernst, stiller Menschlichkeit und einer großen Portion Optimismus gut unterhalten.

Mehr dazu:

Mit “Twelve Days” gibt es eine Fortsetzung in Form eines Weihnachts-Specials.

Im englischsprachigen Original ist dieses Buch unter dem Titel “A Note in the Margin” erschienen.

Weitere Meinungen zum Buch kann man bei “Happy End Bücher”, Gaylesen und “Mathilda Graces Blog” nachlesen.


[Werbung] Klappentext- und Bildquelle sowie Buchdetails: Verlagsseite

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kaisuschreibt
2 Jahre her

Mh, das ist ein Wackelkandidat – aber ich pack ihn mal auf meine Liste :)

4 Monate her

Hallo Gabi,

ich hab das Buch vor kurzem auf englisch gelesen und auch da sind die Perspektivwechsel zum Teil sehr abrupt.

Insgesamt mochte ich das Buch auch ganz gern, aber anders als du, hätte ich mir hier und da doch ein bisschen mehr Hintergrundinformationen gewünscht. Vielleicht lag es auch an der Fremdsprache, aber ich hatte manchmal schon das Gefühl, dass ich zu wenig verstehe, was in Davids Vergangenheit passiert ist. Er scheint ja so was wie Depressionen und/oder Burnout gehabt zu haben, aber mir fehlte dann der Übergang zur Obdachlosigkeit.

Aber auch bei John bleiben ja einige Dinge unklar. Die Trennung von seiner “Freundin”. Es heißt, dass er sie ja unbedingt noch anrufen und von seiner Beziehung mit David in Kenntnis setzen muss und dann taucht sie nie wieder auf. Seltsam.

Also für mich war es ganz nett, aber ein bisschen mehr hab ich schon erwartet.

Liebe Grüße
Julia