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Bücherlieblinge

[Bücherlieblinge] Rattentanz von Michael Tietz

Worum geht’s bei der Rubrik “Bücherlieblinge”?

Ich lese schon seit Jahrzehnten mit Begeisterung und entsprechend viele Bücher, die mir auch über lange Zeit im Gedächtnis geblieben sind, haben sich angesammelt. Es befinden sich nicht mehr alle Bücher in meinem Besitz, was ich bedauere, und nach und nach bemühe ich mich, diese Lieblingsbücher (wieder) in mein Bücherregal zu stellen und vorher noch einmal zu lesen. Das wird dauern, aber ich sehe darin ein Langzeitprojekt und habe es nicht eilig damit. Vielleicht gefallen mir auch heute nicht mehr alle Bücher, die ich früher toll fand, aber möglicherweise können sie mich auch heute noch begeistern. Vorstellen möchte ich sie hier im Laufe der Zeit in jedem Fall.

Dieser Blog existiert seit fast 8 Jahren. Auch in dieser Zeit haben sich Bücher für mich als Dauerbrenner erwiesen. Diese Rezensionen möchte ich auch wieder nach vorne holen. Vielleicht schaffe ich es bei einigen Lieblingsbüchern, sie aktuell nochmal zu lesen und meinen neuen Eindruck dazu zu ergänzen.

Ich hoffe, dass diese schon etwas älteren Bücher auch heute noch Leser ganz neu oder wieder begeistern können. Denn es gibt weit mehr ungeheuer lesenswerte Bücher, als die, die sich gerade in den Bestsellerlisten tummeln. Darum geht es mir bei der Rubrik “Bücherlieblinge”.

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“Rattentanz” von Michael Tietz habe ich schon vor 7 Jahren gelesen, aber es ist mir immer noch in lebhafter Erinnerung. Ein Katastrophen-Szenario, das in Deutschland stattfindet und die Menschheit nach wenigen Tagen in eine Situation versetzt, auf die niemand vorbereitet war. Reisserische Spannung sucht man vergeblich, der Erzählton ist eher ruhig und manchmal einen Hauch zu detailverliebt, aber das hob für mich die Hanldung und die Überlegungen dahinten nur umso mehr hervor. Als Print ist das Buch inzwischen nur noch gebraucht zu haben, aber als eBook ist es immer noch aufgelegt.

Klappentext:

Wellendingen, ein idyllisches Dorf im Südschwarzwald: Hans Seger ist beruflich in Schweden unterwegs, seine Frau Eva hat Frühdienst im Donaueschinger Krankenhaus. Ihre Tochter, die siebenjährige Lea, ist bei Nachbarn. Eigentlich scheint alles in bester Ordnung … bis am Morgen des 23. Mai plötzlich der Strom ausfällt. Der Verkehr bricht zusammen, Telefone und Computer stehen still, Kühlschränke verweigern ihren Dienst, Supermarkttüren öffnen sich nicht mehr. Der wirksamste Computervirus, der je ersonnen wurde, schleudert die Welt zurück ins tiefste Mittelalter. Als der erste Jumbojet vom Himmel fällt, dämmert der Dorfgemeinschaft, dass nichts mehr so sein wird wie es einmal war … Innerhalb weniger Stunden zerbricht das so stabil erschienene Gerüst unserer modernen Gesellschaft. Jeder ist sich plötzlich selbst der Nächste. Eine Schlacht bahnt sich an, in der alle bisherigen Werte nicht mehr zählen. Für Eva und Hans Seger beginnt ein Überlebenskampf, auf den sie niemand vorbereitet hatte. Alles andere wird unwichtig, tritt hinter dem einen Ziel zurück: Heimkehr nach Wellendingen, zu ihrer Tochter Lea. Der Weg nach hause entpuppt sich sowohl für Eva als auch für Hans als Trip durch die Hölle …

So fand ich’s beim ersten Lesen 2010:

Beinahe gemächlich schaut man anfangs auf das, was ohne Strom und Wasser und ohne technische Hilfe hauptsächlich in Wellendingen, aber auch in Schweden und andeutungsweise in anderen Ecken der Welt passiert. Geschehnisse werden ausführlich erzählt, ohne reisserische, oberflächliche Spannung zu erzeugen. Man hat aber das Gefühl, auf so etwas wie einen schlimmen Verkehrsunfall zu starren. Obwohl alles in Zeitlupe zu passieren scheint, ist man wie gelähmt und zu fasziniert von dem Grauen, um wegsehen zu können. Dann entwickelt sich ein Sog, der einen zwingt, immer weiter zu lesen.

Die Personen des Buches mit ihren vielschichtigen Persönlichkeiten, die angesichts der so radikal geänderten Lebensumstände manchmal anders reagieren als man erwarten könnte, machen das Buch so besonders. Man kennt diese Leute, erkennt sich selbst wieder, und fragt sich, was man selbst in so einer Situation machen würde.

Gerade die aktuellen realen Ereignisse haben das Buch für mich noch lebensnaher wirken lassen. Manchmal habe ich bezweifelt, dass die Menschen so schnell in mittelalterlich anmutende Verhaltensweisen zurückfallen würden, dass sich jeder selbst der Nächste ist in unserer ach so aufgeklärten modernen Welt. [Dieser Satz hat auch 2017 leider nichts von seiner Aktualität verloren]

Dann fiel mir die Vulkanaschewolke des isländischen Eyjafjallajökull ein, die 2010 über uns weg gezogen ist. Da fallen eine Woche lang alle Flüge in Europa aus und schon versinkt der Alltag für die Flugreisenden im Chaos. Plötzlich werden Mitfahrgelegenheiten im Auto für tausende von Euros verkauft und die Findigsten unter den Geschäftsreisenden entwickeln ganz neue Reiseideen. Taxifahrer bekommen Fahrten quer durch den Kontinent angeboten und verzehnfachen die Preise.

Oder ebenfalls aus 2010: In Griechenland soll radikal gespart werden und das reichte schon als Anlass dafür, dass drei Bankangestellte dafür mit ihrem Leben bezahlen müssen, darunter eine schwangere Frau (wer sich das nochmal ins Gedächtnis rufen möchte, hier geht es zu einem Zeitungsbericht im Focus)

Und plötzlich scheint einem das, was in Wellendingen passiert, nicht mehr so weit hergeholt, sondern könnte ganz genau so ablaufen.

Am Ende bleibt die Erkenntnis, wie zerbrechlich das Leben ist und wie dünn die Linie, die unsere Zivilisation mit ihrer Medizin, Rentenversicherung und Internet vom nackten Überlebenskampf und Jeder-gegen-Jeden trennt.

„Rattentanz“ hat mich fasziniert und zum Nachdenken angeregt. Ein lesenswerter deutscher Endzeitthriller.


[Werbung] Bild/Klappentext-Quelle und Buchdetails: Verlagsseite

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3 Comment authors
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kaisuschreibt

Ah, ich wusste doch, ich kenn das Buch! Nur mit einem anderen Cover :3

Ich fand es damals auch super. Ob es auch 7 Jahr eher ist, weiß ich nicht, aber es wäre mal Zeit für einen Reread! Kann mich nur noch erinnern, dass das Buch damals die Meinungen recht gespalten hat, weil laaaaaangatmig. Fand ich nicht.

Janna | KeJas-BlogBuch

Finde ich eine schöne Idee, auf ältere Bücher die man bereits gelesen hat, nochmals Aufmerksam zu machen und ich bin gespannt welche tollen Bücher du noch für uns hast!