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Das Durchdrehen der Schraube – Eine Geistergeschichte von Henry James

Darum geht’s:

Eine junge Frau wird als Erzieherin für zwei Waisenkinder eingestellt, die auf einem einsamen Landsitz leben. Einzige Bedingung des Vormunds: Er möchte nicht belästigt werden und überlässt alle Entscheidungen der Erzieherin, die die volle Verantwortung alleine trägt. Obwohl der Junge, Miles, von der Schule verwiesen wurde und nach den Ferien nicht mehr dort hin zurückkehren darf, scheinen beide Kinder liebenswürdig und gut erzogen. Nur die unheimlichen Erscheinungen, die immer wieder zu sehen sind, irritieren die Erzieherin zunehmend.

So fand ich’s:

Die Geschichte wird mit einem kleinen Vorspann erzählt, was dem Ganzen wohl einen realistischen Anstrich verleihen soll, als hätte sich alles wirklich so zugetragen und wäre von vertrauenswürdigen Personen weiter erzählt worden. Doch von Anfang wirkt diese Geschichte konstruiert und unrealistisch auf mich. Die erzählende Erzieherin verhält sich in meinen Augen einfach nur völlig unverständlich. Statt sich um Tatsachen zu bemühen, rät sie sich ihr Weltbild zusammen und unterstellt Dinge, die sie anderen als Fakten verkauft. Ihre Mitstreiterin, die Haushälterin Mrs. Grose, unterstützt sie in ihrer weltfremden Spinnerei nach Kräften.

Wenn der Schüler, um den man sich kümmern muss, von der Schule verwiesen wird genau in dem Moment, als man als neue Erzieherin auftaucht, dann muss man sofort Ursachenforschung betreiben, Kontakt mit der Schule aufnehmen und eine Erklärung verlangen. Stattdessen beschränkt sich die (übrigens während der ganzen Erzählung namenlose) Erzieherin darauf, die Kinder zu beobachten und nach einiger Zeit zu dem Schluss zu kommen, dass es das Beste wäre, den Kopf in den Sand zu stecken. Da wegen solcher unreifer Verhaltensweisen die Erzieherin schon von Anfang an mein Vertrauen verspielt hatte, konnte mich die Geschichte keine Sekunde lang fesseln, sondern ich war nur genervt von der völligen Planlosigkeit der jungen Frau.

Die altertümliche Sprache, die ziemlich umständlich mit ungewöhnlicher Satzstellung auf eine ziemlich verschwurbelte Art erzählt – und dadurch das Lesen nicht gerade leicht macht – schafft aber auch eine passende Atmosphäre von Ernsthaftigkeit und  passt zum historischen Setting des 19. Jahrhunderts. Grusel oder Spannung kam allerdings nicht wirklich auf, was ich auf die umständliche und sprachlich so gewöhnungsbedürftige Erzählweise schiebe.

Daß sein Onkel kommen sollte, um mit mir diese Dinge zu behandeln, war eine Lösung, die zu fördern ich, genau genommen, jetzt hätte wünschen sollen; aber ich konnte dem damit verbundenen Bedrohlichen und Peinlichen so wenig ins Auge sehen, daß ich einfach zauderte und von der Hand in den Mund lebte (Seite 124)

Außerdem irritierte mich die Wortwahl, die Haushälterin regelmäßig als “ihre Gefährtin” zu bezeichnen, denn das machte die beiden Frauen (zu Unrecht) in meinem Unterbewusstsein ständig zu einem lesbischen Paar.

Es wird viel geredet, meistens sehr vage und oft genug im Kreis herum, ohne tatsächlich etwas zu sagen. Informationen und gesicherte Fakten gibt es kaum. Wir bekommen Geschwätz, Vermutungen, Einbildung und Wunschdenken einer Person, die nicht durchgängig Kontakt zur Realität hat. Man kann sich aus dem Text vieles selbst zusammenreimen oder es auch bleiben lassen, und dass man das auch muss, um überhaupt einen Sinn hinter diese Erzählung zu bekommen, ist nicht nach meinem Geschmack. Diese Geschichte erzählt etwas, ohne wirklich etwas zu sagen.

Die hysterische Erzieherin, der die Kinder ausgeliefert sind und das halb offene, aber deprimierende Ende – wie kann man da eine irgendwie lehrreiche oder positive Bilanz ziehen? In Kombination mit der verschwurbelten Sprache bin ich daran gescheitert. Danke, nein.

Mehr dazu:

Hier gibt es weitere Meinungen zum Buch, die teilweise etwas mehr Geduld mit dem Text hatten und nicht so aus dem Bauch heraus wie ich, sondern teilweise mit mehr akademischem Wissen das Buch besprochen haben:
Dieter Wunderlich
Bibliotheka Phantastika
Literaturforum
Die Leselust

 

 


Klappentext- und Bildquelle sowie Buchdetails: Verlagsseite

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17 Kommentare auf "Das Durchdrehen der Schraube – Eine Geistergeschichte von Henry James"

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Oh schade, es klang zunächst ganz vielversprechend.

Oh, da habe ich vor einigen Jahren mal den Film (Schloß des Schreckens) dazu gesehen und der war eigentlich ganz gut :-). Aber wenn ich das so lese, werde ich mir das Buch wohl sparen, denn die Handlung kenne ich ja schon.

Dein Eindruck ist ja nicht gerade verheißungsvoll. Ich hatte das Buch schon lange auf meiner Wunschliste, aber wenn ich deine Rezension so lese……. hm, nun bin ich nicht mehr so überzeugt, es lesen zu wollen. LG Susanne

Allerleihrau

Bei Henry James klingelte es irgendwie bei mir. Klang alt, sehr alt

Vielleicht muss man sich einfach klar machen, dass die Novelle erstmals 1889 erschienen ist und man ein ganz anderes Bild von Erziehung hatte.
Die Gouvernante ist halt auch nur ein Kind ihrer Zeit, sie ist eben nur eine Frau, die darauf angewiesen ist, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Von unseren modernen Ideen von Kindeheit hat man zu dieser Zeit noch keine Idee.

Außerdem ist es ja die Zeit in der man sich für Geister interessiert, nicht für Kinder, die hier vermutlich nur als literarische Werkzeuge dienen.

Meiner Meinung nach sollten solche Geschichten nur noch mit umfangreichen Vorworten veröffentlicht werden, die auf diese historischen Gegebenheiten eingehen.

Besser noch schon vor dem Kauf darauf aufmerksam machen z.B. durch Hinweise wie “Dies ist eine Geschichte aus dem späten 19 Jahrhundert und spiegelt die Ansichten und Lebensweise dieser Zeit wieder” :-)

Ich habe eine ähnliche Enttäuschung mal erlebt, als der Fischer Verlag begann herausragende Kriminalromane vergangener Zeiten herauszugeben und ich mich auf diese Klassiker gefreut habe, nur um dann frustriert festzustellen, dass moderne Autoren, die ich gerne und viel gelesen habe diese Motive ebenfalls verarbeitet hatten und mir viel zu schnell klar war, wie der Hase läuft.
LG Allerleihrau

Hallo Gabi,

ich habe eben etwas gestutzt ob des Titels. Vor einigen Jahren habe ich das Buch ebenfalls gelesen, allerdings unter dem Titel “Die Drehung der Schraube”. Meines war eine Ausgabe von Manesse in der Übersetzung von Ingrid Rein. Und wenn ich mir meine damalige Rezension so ansehe, fand ich es gar nicht so übel.
Ich dachte eben, dass es vielleicht an der anderen Übersetzung liegt, dass unsere Meinungen hier so unterschiedlich sind. Aber jetzt haben ich gerade nochmal reingelesen und kann gar nicht verstehen, dass ich eine durchaus wohlwollende Rezension verfasst habe. *g* Der Schreibstil ist wirklich total verschwurbelt und ich staune, dass ich mich da tatsächlich durchgewurschtelt habe. Vom jetzigen Standpunkt her würde ich eher Dir zustimmen als mir in 2010.
Liebe Grüße
Sanne

Ich las die Inhaltsbeschreibung und dachte: Yeah, klingt sehr gut.
Zückte schon die Wunschliste und las zum Glück erst mal deine Rezension weiter.
Der zitierte Satz hat mich schon mal kräftig abgeschreckt, der Rest deiner Rezi auch.
Danke fürs vorstellen und vorwarnen :)
Liebe Grüße
Ela

Janna | KeJas-BlogBuch

:D Aber gerade mit deiner Kritik muss ich gestehen, hast du mich neugierig gemacht – aber da wir gerne auf einer welle lesen, sollte ich es wohl lieber lassen?!

Und du hast “Erzieherin” und nicht Kindergärtnerin geschrieben!! <3