Buchiges

Die Blechdose / The Tin Box (deusch/englisch) von Kim Fielding

Darum geht’s:

Frisch von seiner Frau getrennt und total pleite, nimmt William die Stelle als Hausmeister im leer stehenden und einsam gelegenen Gebäude einer früheren Psychiatrischen Anstalt an, um dort in Ruhe seine Doktorarbeit schreiben zu können. Im Örtchen daneben trifft er auf den schillernd-schrägen Colby, der ganz offensichtlich schwul ist und William mächtig irritiert. Und dann findet William versteckt im Gebäude der Anstalt eine Blechdose mit Briefen eines früheren Insassen.

So fand ich’s:

William besteht darauf, dass man seinen vollen Namen benutzt. Nicht Will oder Bill, nein es muss William sein. Überhaupt ist er in jeder Beziehung ziemlich verkrampft. Die Ehe mit Lisa hat er in aller Freundschaft beendet, als er einsehen musste, dass er trotz ehrlicher Bemühungen kein Interesse an Frauen aufbringen kann und seine Gefühle für Lisa nicht über Sympathie hinausgehen. Der immer fast schon zu fröhliche Colby stößt William mit seiner manchmal aufdringlichen und schrillen Art anfangs ab.

Man merkt schnell, dass William sich selbst im Weg steht. Er versucht, es den konservativ-christlichen Eltern recht zu machen, auch wenn sein eigener Glaube an Gott irgendwo auf der Strecke geblieben ist. Denn die „Hilfe“ die ihm seine Eltern gegen das „Laster der Homosexualität“ gegeben hatten, hat ihn nur verstört und dafür gesorgt, dass er seine Sexualität nicht ungezwungen ausleben kann. Dass er Lisa gegenüber eingestanden hat, schwul zu sein, war der erste Schritt, den er überhaupt in diese Richtung getan hat, um sich vom Korsett gesellschaftlicher Erwartungen zu befreien. Und um das zu wagen, musste er 32 Jahre alt werden.

Colby mit seinen glitzernden T-Shirts, dem Make up und bunt gefärbten Haaren, überwältigt ihn da geradezu. Doch ziemlich schnell erkennt William, dass Colby gutherzig, sympathisch und verantwortungsbewusst ist und seine offensichtliche Homosexualität von den Bewohnern des kleinen Ortes – die zum großen Teil zu Colbys weitläufiger Familie gehören – voll akzeptiert wird. Colby ist überall äußerst beliebt. Und als William es zulässt, wächst auch sein sexuelles Interesse an Männern im Allgemeinen und Colby im Besonderen.

Als er aus Langeweile das Areal der verfallenden Psychiatrischen Anstalt durchstreift, findet er zufällig eine Blechdose mit nie abgeschickten Briefen, die dort versteckt sind. Der Absender ist Bill und die Namensgleichheit lässt William neugierig werden und die Briefe lesen. Bill war ebenfalls homosexuell, was ihn in den 1930er Jahren in die geschlossene Psychiatrie brachte, denn Homosexualität wurde damals als Krankheit betrachtet. Wie es Bill dort erging und was er erdulden musste, ergreift nicht nur William, sondern auch ich saß manchmal mit zugeschnürter Kehle vor dem Reader. Dass es nicht der Fantasie der Autorin entsprungen ist, sondern dass man tatsächlich mit Homosexuellen so umgesprungen ist, wie Bill das erzählt, macht es umso schlimmer und realer.

Dieses Buch geht einem unter die Haut und schüttelt einen emotional durch. Es ist nicht immer leicht und locker und besonders die Passagen, die von Bill handeln, waren manchmal schwer zu ertragen. Dass sein Schicksal aber bis in die Gegenwart nachwirkt und die positiven Auswirkungen, die es auf William und Colby hat, schaffen einen optimistischen Aspekt in all dem Schrecklichen, der mir gut gefallen hat. Bills Briefe helfen einige Jahrzehnte später William, zu sich selbst zu finden und seinen Weg zu gehen. Die Liebesgeschichte zwischen William und Colby ist um einiges fröhlicher, denn der aufgeschlossene Colby schafft es, William aufzutauen und ihm zu zeigen, dass Liebe und Sex durchaus auch mit Lachen verbunden sein können.

Die Bandbreite der Emotionen, durch die man da gejagt wird, ist groß und das Buch wirkt noch lange nach. Inzwischen habe ich es schon mehrmals gelesen und jedes Mal bin ich wieder tief berührt. Deshalb gehört es auch zu meinen absoluten Lieblingsbüchern und ich lege es jedem ans Herz.

Mehr dazu:

Weitere Meinungen zum Buch:
El Ma liest
Schnuffelchens Bücher & Co

 


Klappentext- und Bildquelle sowie Buchdetails für die deutsche Ausgabe: Verlagsseite

Klappentext- und Bildquelle sowie Buchdetails für die englischsprachige Ausgabe: Verlagsseite

9 Comments

  1. Richie 08/11/2017 14:08

    Liebe Gabi, du weisst, dass ich in diesem Genre sonst nicht unterwegs bin, aber deine Rezi hat mich neugierig gemacht und ich habe mir das Buch sofort geholt! Liebe Grüsse Rita

    • Laberladen 08/11/2017 14:21

      Liebe Rita,
      das freut mich und ich hoffe, dass Dich das Buch genauso berührt wie mich!
      LG Gabi

  2. el ma 08/11/2017 14:35

    Liebe Gabi,
    die Blechdose ist eines der wunderbarsten, traurigsten und emotionalsten Bücher, die ich je gelesen habe.
    eBook und TB durften einziehen und einen Platz in meinem Leseherz hat es sicher.
    LG und danke für diese wunderbare Rezension,
    Elke

    • el ma 08/11/2017 14:36

      sorry, es sollte „das ich je gelesen habe“ heißen.

    • Laberladen 08/11/2017 20:02

      Das ist auch eines meiner absoluten Lieblingsbücher – und wird sicher immer und immer wieder gelesen 🙂
      LG Gabi

  3. Buchbahnhof 08/11/2017 19:23

    Hey Gabi,
    das Buch schlummert schon auf meinem Reader. Ich bin sehr gespannt auf die Geschichte. Danke, dass du sie mir ins Gedächtnis gerufen hast.
    LG
    Yvonne

    • Laberladen 08/11/2017 20:25

      Hallo Yvonne,
      und nicht wieder nach hinten wandern lassen, sondern sofort lesen 😉
      LG Gabi

  4. umivankebookie 09/11/2017 19:10

    Wow, eine richtig schöne Rezension mit einer spannenden Thematik!

    LG, Ümran 🙂

    • Laberladen 10/11/2017 10:54

      Danke 🙂

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