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Die Wälder von Melanie Raabe

Darum geht's:

Nina hat dem Dorf, in dem sie aufgewachsen ist, schon lange den Rücken gekehrt. Die Nachricht, dass ihr Kindheitsfreund Tim gestorben ist, weckt schlimme Erinnerungen. Tim war kurz vor seinem Tod in ihr Heimatdorf zurückgekehrt, um nach seiner verschwundenen Schwester zu suchen. Und er hat Nina eine Nachricht hinterlassen, die sie zwingt, in das Dorf zurückzukehren, das sie am liebsten für immer meiden würde.

So fand ich's:

Das Buch teilt sich in zwei Handlungsstränge, die auch optisch gut durch unterschiedliche Schriftarten getrennt sind. Zum einen erzählt uns Nina aus ihrer Sicht, wie sie versucht, ihre Version von Tims verrücktem Plan umzusetzen, um seine Schwester Gloria zu finden. Und gleichzeitig begleiten wir Peter und seine Freunde im Dorf dabei, wie sie sich mit dem düsteren, angsteinflößenden Wolff beschäftigen, der in der Nähe wohnt.

In den namensgebenden ausgedehnten Wäldern, die das Dorf umgeben, scheinen besonders nachts unheimliche Dinge zu passieren. Ihr Dickicht birgt so einige Überraschungen und man braucht Mut, um sich hinein zu wagen. Doch die Wälder spielen unterm Strich leider keine so große Rolle wie ich angesichts des Titels erwartet hatte. "Die Clique" oder "Das Verbrechen" hätten den Kern der Geschichte mindestens genauso gut getroffen. Allerdings bringen die Wälder als Schauplatz einen sehr atmosphärischen und düsteren Touch in die ganze Erzählung.

Der Thrill kommt auf eher leisen Sohlen, doch der Lesesog hat mich trotzdem schnell gepackt. Ich fand Nina eine wunderbare Erzählerin, die schwankt zwischen Wut und Verzweiflung, Rachedurst und Angst und langsam Stück für Stück in die weit weggeschobene Kindheit zurückkehrt. Ihr Jugendfreund David soll ihr dabei helfen, doch er hat die traumatischen Ereignisse von früher so weit weggeschoben, dass er sich nicht einmal erinnert und daran auch nichts ändern will.

Und auch die Kinderclique des Dorfes um den dunkelhäutigen Peter hat mich schnell in ihre Welt hineingezogen. Die Kinder liefern uns ihre Interpretation von dem, was die Erwachsenen tun, sie ziehen ihre Schlüsse, aber sie haben nicht alle Fakten, sondern leben in gewisser Weise in ihrer eigenen kleinen Welt mit ihrer ganz speziellen Perspektive. Dass die manchmal einsichtiger ist und sie viel aufmerksamer sind als die Erwachsenen, hilft nicht viel, wenn man sie nicht ernst nimmt. Oder wenn sie sich Sachen nur einbilden? Es hat mir großen Spaß gemacht, die Gruppe der Kinder zu verfolgen, wie sie sich mit dem Verschwinden von Gloria beschäftigen, was sie unternehmen und wie sie als Gruppe von engen Freunden interagieren.

Die Figuren wissen mehr als der Leser und durch die Art, wie manche Szenen erzählt werden, ergibt sich für die Leser ein Überraschungseffekt. Da mir dieses Stilmittel aber so gar nicht gefällt (es hat noch niemand geschafft, mir das so zu präsentieren, dass ich Spaß daran hatte) fühlte ich mich durch vorenthaltene Informationen, die ich durchaus hätte bekommen können, wenn die Erzähler dem Leser manches nicht einfach verschwiegen hätten, ein bisschen an der Nase herumgeführt. Auch die vielen Cliffhanger, die regelmäßig einen Perspektivwechsel zwischen Nina / David und Peters Kinderbande einleiten, fand ich eher nervig als dass sie Spannung erzeugten. Cliffhanger sind grundsätzlich nicht mein Ding und ich werde davon eher irritiert als neugierig gemacht. Und da sie sehr schnell wieder aufgelöst werden, fand ich sie besonders in ihrer Häufigkeit oft unnötig und manchmal auch ein bisschen konstruiert.

Die Figuren fand ich großartig. Ob nun Protagonisten oder Nebenfiguren, sie waren für mich alle greifbar und lebensnah. Manchen wurde nur mit ein paar Sätzen Leben eingehaucht, weil sie z. B. am Rand von Peters Blickfeld immer wieder auftauchen. Mit anderen durfte ich mich ausführlicher beschäftigen und ihren Weg verfolgen und ob ich sie nun mochte oder nicht, sie boten mir alle schlüssige Charaktere nah an der Wirklichkeit und ich hatte immer das Gefühl, dass so ein Dorf in Wirklichkeit ganz genau so auch existieren könnte.

Auch wenn die zentralen Stilmittel hier nicht unbedingt nach meinem persönlichen Geschmack waren, hat mir Melanie Raabes Spiel mit der Sprache, das sie so wunderbar beherrscht, die überzeugenden Figuren, die Atmosphäre und die Handlung wieder sehr gut gefallen und mir ein paar tolle Lesestunden beschert.

Mehr dazu:

Weitere Meinungen zum Buch:
(wird ergänzt)

 


Herzlichen Dank an den Verlag und das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar

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Titel: Die Wälder
Autor/in: Melanie Raabe
ISBN / ASIN:
978-3-442-75753-4
Sprache:
Deutsch
Genre: Thriller
Verlag:
btb / Randomhouse
Erscheinungsjahr:
2019
Medium:
Klappenbroschur
Seitenzahl: 432
Klappentext- und Bildquelle sowie Buchdetails: Verlagsseite

 

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Hui, du hast es bereits gelesen und rezensiert! Bei mir steht der Titel noch auf der Wunschliste und ich war nach der einen oder anderen Besprechung etwas skeptisch, viele sagen es sei ihr schlechtestes Buch … jetzt grübel ich, wie sehr ich es haben will …
Ich mag es ja bei ihr besonders, dieses “auf leisen Sohlen” wie du es so schön geschrieben hast. Ein Thriller muss nicht boooom zuschlagen, die Spannung darf sich gerne nach und nach aufbauen, solange die Atmosphäre drumherum packend geschrieben ist.

Mukkelige Grüße!

Reply to  Gabi

Oh ich liebe vor allem “Die Falle” von ihr! Die anderen auch, aber ja, “Die Wahrheit” ist aufgrund der Auflösung das für mich schlechteste und bei ihr immer noch nicht im Sinne des Wortes schlecht. Nur den Hörspiel-Podcast mochte ich nicht ganz … ich denke, ich muss mir wohl “leider” ein eigenes Bild zu den Wäldern machen ;)

Reply to  Gabi

Ich war eher vom Ende enttäuscht, da hatte ich anderes erwartet und es überzeugte mich nicht wirklich. Aber die Wälder sind nun wieder dick auf der WuLi notiert (=

Reply to  Gabi

Oh ja, das ist ja echt eewig her – wie haben wir uns nur so auseinander gelesen? :P

7 Monate her

Ich finde “Die Wälder” auch bei Weitem nicht das schlechteste, das war für mich auch “Die Wahrheit” (da kamen Gabi und ich so ziemlich zum selben Schluss). “Die Wälder” ist nicht so gut wie “Der Schatten”, finde ich, aber immer noch lesenswert. Gerade wenn man etwas ruhiger mag.

Ansonsten finde ich es faszinierend, Gabi, dass wir auch hier zu sehr ähnlichen Schlüssen kommen. Ich fand den Wald auch ein bisschen zu sehr “Hintergrundrauschen” und hab bis zum Schluss nicht verstanden, warum gewisse Infos nicht schon vorher auf den Tisch kommen (Peter und seine Clique, du weißt schon).

Aber das Buch ist so ein dankbarer Gegenentwurf zu den haasträubenden Thrillern, die es sonst so auf dem Markt gibt, dass es jede positive Leser*innen-Stimme mehr als verdient.