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Lesungen

[Lesung] Jens Henrik Jensen stellte “Oxen – der dunkle Mann” am 13.03.2018 beim Krimifestival München vor

[Aus Datenschutzgründen wurden sämtliche Fotos entfernt]

Gerade rechtzeitig vorher hatte ich den ersten Band “Oxen – das erste Opfer” in der Hörbuchversion beendet (zu meiner Meinung dazu geht es hier), und schon ist Jens Henrik Jensen in Deutschland, um uns die Fortsetzung “Oxen – der dunkle Mann” vorzustellen.

Da das nicht meine erste Lesung im Rahmen des Krimifestival München war und ich auch schon mehrfach im Sektionshörsaal in der Pettenkoferstraße war, kannte ich auch schon die meisten Informationen, die Mitveranstalterin Sabine Thomas über das Thema Körperspende und Präparierkurse für Medizinstudenten zum Besten gab. Trotzdem ist es immer wieder witzig, die Reaktion der Zuschauer zu erleben, wenn sie erfahren, dass sie für ihre Körperspende kein Geld bekommen, sondern noch welches mitbringen müssen. Wer sich ernsthaft dafür interessiert, kann auf der entsprechenden Seite der Anatomischen Anstalt München mehr dazu lesen. Als Sabine Thomas erwähnte, dass man in den Tiefen der Anatomischen Anstalt auch die (sehr schönen) Särge finden könne, in denen die Körperspender später beerdigt würden, habe ich mich dann doch gefragt, wie viele Menschen und aus welchen Gründen ihre sterblichen Überreste der Wissenschaft zur Verfügung stellen. Leider hat man dazu nicht mehr erfahren – und das war schließlich auch überhaupt nicht Thema dieses Abends.

Links der Moderator des Abends, Günter Keil, der rund um die Person Jens Henrik Jensen und die Oxen-Trilogie viele gute Fragen stellte und übersetzte, rechts Dietmar Wunder, der Sprecher der Oxen-Hörbücher und zuständig für die Live-Lesung einiger Abschnitte aus “Oxen – der dunkle Mann” und die Hauptperson in der Mitte, der Autor Jens Henrik Jensen.

Die Person Jens Henrik Jensen

Jensen sprach ein schönes weiches und gut verständliches Englisch (und sogar einige wenige Worte Deutsch) und schien ein ruhiger, überlegter und sehr sympathischer Mensch zu sein. Er erzählte, dass er seit ca. 20 Jahren schreibt und er sich den aktuellen Bestseller-Erfolg mit internationalen Lesereisen früher höchstens erträumt, aber nie damit gerechnet hätte. Er bewundert ganz besonders den Autor Hans Christian Andersen, weil dessen Schwerpunkt nicht auf Recherche und Fakten, sondern darauf liege, die Fantasie spielen zu lassen. Ihm zu Ehren hat er einen Polizisten in “Oxen – der dunkle Mann” H. P. Andersen genannt.

Jensens eigene Kinder sind erst 6 und 8 Jahre alt und noch zu jung für die Oxen-Thriller, aber er würde sich freuen, wenn sie mit 15 oder 16 Lust darauf hätten, die Bücher ihres Vaters zu lesen. Schon jetzt könnten sie mit dem Namen Oxen etwas anfangen, denn ihnen ist klar, dass ihr Vater über ihn schreibt. Niels Oxen, Margarete Franck, Axel Mossman und Co wären im Hause Jensen durchaus präsent.

Nachdem Dänemark zu den Ländern mit den glücklichsten Menschen der Welt zählt, vermutete Jensen auf die Frage, wieso es dann Thrillerautoren wie ihn oder Adler-Olsen hervorbringe, dass man wohl einen gewissen Gegenpol zu “Hygge” haben wolle und das oft dunkle, kalte Wetter auch in guter skandinavischer Tradition zu düsteren Krimis animiere.

Zu Beginn der Veranstaltung las Jensen ein kurzes Stück aus “Oxen – der dunkle Mann” auf Dänisch. Es soll wohl von Oxens Begegnung mit einer Ratte handeln und ich muss das einfach so glauben, denn auch wenn ich mich bemüht habe, konnte ich kein Wort verstehen. Die Sprache und Jensens weiche, flüssige Art zu lesen, hat aber das Publikum so fasziniert, dass es mucksmäuschenstill war, obwohl ich unterstelle, dass es den meisten Zuhörern so ging wie mir.

Oxen und seine Mitstreiter

Aus den Erzählungen Jensens und den gelesenen Passagen aus dem Buch konnte man sich schon einen guten ersten Eindruck darüber bilden, was einen in “Oxen – der dunkle Mann” erwartet.

Der Name Oxen ist eine alte Schreibweise für Ochse und in Dänemark kein gebräuchlicher Familienname. Niels Oxen ist durch seine Kriegseinsätze traumatisiert und im aktuellen zweiten Buch versucht er, seine Dämonen durch harte körperliche Arbeit auf einer Fischfarm und im Wald in Schach zu halten. Bisher weiß man nicht gerade viel über Oxen, doch das soll sich in “Oxen – der dunkle Mann” ändern, denn dort sind auch Oxens Eltern und seine Schwester ein Thema. Oxens Vater war ein schrecklicher Mensch, Alkoholiker, gewalttätig – und wie das in vielen Familien der Fall ist, veranlasst das Oxen dazu, ganz anders zu werden als sein Vater. Und doch kann auch Niels Oxen seinen eigenen Sohn nur aus der Ferne beobachten und konstatieren, dass er selbst kein guter Vater ist.

Die Geheimdienstmitarbeiterin Margarethe Frank ist ebenfalls wieder mit von der Partie. Da sie selbst eine Beinprothese trägt, hat sie durch ihr eigenes traumatisches Erlebnis Verständnis für Oxen und seine spezielle psychische Situation. Sie ist taff und stur und sie und Oxen sind ein gutes Team.

Auch wenn Jensen keine speziellen Einblicke in den dänischen Geheimdienst hat, kann er sich doch in die Situation zwischen Chef und Mitarbeiter hineinversetzen, denn die Entwicklungen und Spannungen zwischen Franck und ihrem Chef Mossmann gibt es so oder ähnlich wohl in vielen Behörden und Firmen.

Der Danehof

Jensen hat im Geschichtsunterricht nichts über den Danehof erfahren. Dass es früher dieses Gremium mit genug Macht gab, um sogar dem König Vorschriften zu machen, hat er erst bei seiner Recherche entdeckt, als er auf der Suche nach historischen Machtstrukturen in Dänemark war. Das schien ihm eine gute Grundlage für einen Thriller. Auch heute gäbe es einen Kreis von mächtigen Leuten, die miteinander bekannt, befreundet und verflochten sind, die Einfluss auf die Geschicke Dänemarks nehmen. Doch dass sie das so organisiert, heimlich und in illegaler Weise in Form eines modernen Danehof, Think Tank, Consilium oder ähnlichem täten, ist nur ein Produkt seiner Fantasie.

Die Lesung

Dietmar Wunder gehört sowieso zu meinen Lieblings-Hörbuchsprechern und ich will mich hier nicht weiter in Begeisterungsstürmen ergehen. Aber ich scheine nicht die Einzige zu sein, die von seiner Art zu lesen schwer begeistert ist. Denn während seiner Lesepassagen herrschte andächtige Stille und er bekam heftigen Applaus nach jedem gelesenen Stück, übrigens auch vom Autor selbst, der ebenfalls sehr angetan zu sein schien. Ich fand es sehr sympathisch, dass Dietmar Wunder sich offensichtlich total darüber freute und jedes Mal übers ganze Gesicht grinste.

Jensen erzählte, dass der dänische Hörbuchsprecher mit ihm Kontakt aufgenommen habe, weil er berichten wollte, dass er kaum die Passagen über die getöteten Hunde aus dem ersten Band hätte einlesen können. Das habe ihn jedes Mal zum Weinen gebracht. Dietmar Wunder betrachtet gerade solche Szenen als Herausforderung. Er wäre in diesem Moment so in der Szene drin und emotionale, schwierige und anspruchsvolle Szenen wären genau das, was ihm besonderen Spaß macht. Mir hat ja schon das Hörbuch zu “Oxen – das erste Opfer” sehr gut gefallen und ich habe auch die Hörversion von “Oxen – der dunkle Mann” schon hier liegen. Die Live-Lesung hat mir darauf großen Appetit gemacht und ich freue mich schon drauf.

Ich fand auch die Information interessant, dass eine Verfilmung geplant ist. Denn ich glaube, diese Trilogie gibt einen guten Stoff für eine Serie oder auch für Kinofilme her. Obwohl es ganz schön anstrengend war, im Nieselregen nachts durch halb Bayern zu fahren, hat sich die Fahrt zu dieser Lesung doch absolut gelohnt und ich hatte einen interessanten, informativen und schönen Abend.

~

Als schöne Ergänzung dazu gibt es bei der Literatourlounge ein Interview mit Jens Henrik Jensen auf englisch zum ersten Band “Oxen – das erste Opfer”.

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Ein gewohnt toller Lesungsbericht! Du bist immer so fein umfassend – Beginn, Buch, Lesung! Du machst Lust darauf, selbst solch eine Lesung genau dort lauschen zu wollen!
Klingt schon spannend wo das statt findet!

Lieben Dank das du uns einen Eindruck des Abends gegeben hast. Der Danehof machte mich im Buch schon neugierig – gruselig! Ich bin gespannt auf den Folgeband.

Bin ja immer kritisch bei Verfilmungen, aber es gibt dann doch ein paar Bücher, da reizt es einfach, das auch sehen zu wollen. Bei einem guten Regisseur kann ich dir zustimmen, das da was feines rauskommen könnte ;)

Hab einen feinen Abend!

Liebe Gabi!

Auch von mir wieder einmal ein dickes, fettes Dankeschön für diesen tollen Lesungsbericht! Ich glaub, ich wär ja schon bei “the sexy voice” Dietmar Wunder wieder einmal dezent ausgeflippt :D …

Bisher hatte ich die Reihe ja nicht unbedingt auf dem Radar, weil ich eigentlich keinen Bedarf an traumatisierten Ermittlern habe, aber so wie du das beschreibst, sollte ich vielleicht doch eine Ausnahme machen und mir die Hörbücher zu Gemüte führen.

Liebe Grüße
Ascari