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Mirror von Karl Olsberg

Darum geht’s:

Smartphones sind veraltet, jetzt gibt es den Mirror. Mit Kamera, Ohrclip und Datenbrille verfolgt das Gerät, was sein Besitzer gerade tut und versorgt ihn aus einer weltweiten Datenbank mit wertvollen Infos und nützlichen Ratschlägen. Wann die nächste Bahn fährt, welcher Spruch bei dem hübschen Mädel an der Bar am wahrscheinlichsten ankommt und wo es den Lieblingswein im Sonderangebot gibt, muss man nicht mehr selbst wissen. Die vielen Apps und Zubehörgeräte bieten unzählige Anwendungsmöglichkeiten. Und je länger man seinen persönlichen Mirror hat, desto mehr kann das Gerät auf die individuellen Bedürfnisse eingehen, denn der Mirror lernt selbstständig dazu.

Die Journalistin Freya erlebt auf einer Recherchereise, dass die Drohnenkamera ihres Mirror eine seltsame Fehlfunktion entwickelt. Und auch der Autist Andy muss feststellen, dass er mit seiner anfänglichen Begeisterung für den Mirror zu unkritisch war.

So fand ich’s:

Auf den ersten Blick ist die Anschaffung eines Mirror die beste Idee, die man haben kann. Das Gerät trägt zum Wohlbefinden des Nutzers bei, es lernt dazu und stellt sich individuell auf seinen Besitzer ein. Der Autist Andy zum Beispiel, der die Mimik seines Gegenüber nicht interpretieren kann und dem menschliche Stimmungen daher oft undurchschaubar bleiben, kann sich mit Hilfe einer App und der Kamera seines Mirror dabei helfen lassen. Und das Gerät hat eine erstaunliche und immer besser werdende Trefferquote, denn es kann auch über eine gemeinsame Datenbank auf die Erfahrungen anderer Nutzer in der gleichen Situation zugreifen. Es lässt sich nicht leugnen, dass der Mirror viele Vorteile bietet und er sein Geld wirklich Wert zu sein scheint. Dass man sich irgendwann blind auf die Ratschläge des Mirror verlässt, ist sehr menschlich. Man muss nur an die Autofahrer denken, die auf Befehl ihres Navis schon in den Fluss gefahren sind.

Aber nach welchen Kriterien werden die Ratschläge ausgewählt? Gerade aktuell können wir die Diskussion bei den selbstfahrenden Autos verfolgen, die sich möglicherweise entscheiden müssen, ob sie in einer Krisensituation ihre Insassen über die Klippe fahren oder in eine Gruppe Kinder steuern. Und wenn das Gerät selbstständig dazu lernt und sich verbessert, ohne dass eine vorgegebene Programmierung dahinter steckt, in welche Richtung entwickelt es sich dann?

In verschiedenen Handlungssträngen in Europa und den USA, dem Land, in dem der Mirror entwickelt wurde, begleiten wir einige Personen, die alle irgendwie mit der neuen Technik zu tun haben. Im Laufe des Buches verbinden sich ihre Geschichten auf gelungene Weise und schaffen ein erschreckendes Gesamtbild. Obwohl wir natürlich mit den Helden mitfiebern und gespannt verfolgen, wie sie immer tiefer in Schwierigkeiten geraten, liegt der Schwerpunkt nicht auf den einzelnen Charakteren, die eher stellvertretend stehen für Opportunisten, die rücksichtslos ihre eigenen Interessen durchsetzen, für kritische Zeitgenossen oder Mitläufer, sondern auf dem Thema. Das ist zwar sehr unterhaltsam in eine spannende Thrillerhandlung verpackt, aber doch auch sehr dicht an unserer näheren Zukunft. Es scheint eine Entwicklung absolut so denkbar, wie sie uns Karl Olsberg beschreibt, und das macht einen auch sehr nachdenklich und regt dazu an, sich mit dem eigenen Umgang und der Abhängigkeit von technischen Helfern, die wir weder begreifen noch beherrschen, auseinanderzusetzen

In einer klaren, schnörkellosen Sprache, die gut zu einem Thriller passt, werden wir nicht mit erhobenem Zeigefinger belehrt. Die gute Mischung aus spannender Unterhaltung und kritischem Thema zeigt, dass der Autor sein schreiberisches Handwerk beherrscht und sich auch ausführlich mit der Thematik beschäftigt hat. Sowohl die Segnungen als auch die Gefahren der Mirror-Technologie sind ständig präsent, ohne dass trockene Erläuterungen überhand nähmen.

Man kann sich wunderbar ein paar Stunden durch das Buch unterhalten lassen, aber auch nachdem man es zu Ende gelesen hat, lässt einen das Thema nicht los.

Mehr dazu:

Bei Lesenswertes aus dem Bücherhaus kann man eine weitere Meinung zum Buch lesen.

In 5 kurzen Episoden kann man sich in “Mirror Welt: Prequel” kostenlos auf das Buch einstimmen. Eine ausführliche Leseprobe von “Mirror” ist ebenfalls enthalten.

Ganz interessant fand ich, dass “Mirror” für die Lese-App Papego geegnet ist. Damit kann man das Papier-Buch getrost zuhause lassen und mobil auf dem Handy weiterlesen. Da ich ein eingefleischter Zuhause-Leser bin und keinen Bedarf für mobiles Lesen habe, habe ich diese App nicht ausprobiert.


[Werbung] Klappentext- und Bildquelle sowie Buchdetails: Verlagsseite

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Ich habe mir gerade auch noch
das System von Karl Olsberg gekauft, und hoffe da auch bald die Zeit für zu finden, reingelesen habe ich schon und es scheint Erwachsener zu sein als Mirror.
Vielen Dank fürs verlinken.

Hallo,

ich bin durch #litnetzwerk auf deinen Blog aufmerksam geworden – eine tolle Aktion, die Lena da ins Leben gerufen hat. Super, dass du schon eine Liste von allen Teilnehmern erstellt hast.

Zwei Buchtipps habe ich schon von einem Besuch deines Blogs mitgenommen: Karl Olsberg, den ich vorher gar nicht kannte, und natürlich Linda Castillos “Grausame Nacht” – ich mag ihre Rone sehr.

Viele Grüße

Rosa

Um das Buch schleiche ich ja auch schon herum, seitdem ich auf der Verlagsseite darüber gestolpert bin. Ich befürchte fast, die Neugier wird am Ende noch gewinnen. ^^

LG, Katja

Hey :)

Mir scheint, du stehst genau wie ich auch auf Geschichten, die IT und technische Entwicklungen zum Thema haben. Hast du in diesem Zusammenhang eigentlich Dave Eggers “The Circle” gelesen? Bei deinen Rezis habe ich es nämlich nicht gefunden …

Liebe Grüße
Ascari

Das Buch habe ich auch schon öfters gesehen, aber mich nie so wirklich damit beschäftigt, worum es hier eigentlich geht. Ich finde das Thema so spannend, weil es wirklich zum Großteil auch auf die heutige Zeit übertragbar ist. Die ganzen technischen Hilfsmittel. Und wenn ich dann schon Grundschulkinder mit einem Iphone sehe… Da fragt man sich nur, was diese Kinder später dann mal benutzen. Vielleicht gibt es irgendwann einen Mirror?
Das Buch ist jetzt auf jeden Fall auf meiner Wunschliste :)

Liebe Grüße
Andrea