Buchiges

Murder Park von Jonas Winner

Darum geht’s:

Nachdem dort drei Frauen ermordet wurden, ist der Vergnügungspark auf Zodiac Island vor 20 Jahren geschlossen worden. Nun soll er wieder eröffnet werden und ausgewählte Personen dürfen zu einem Pressewochenende vorab auf die Insel, um den neu konzipierten „Murder Park“ kennenzulernen. Aber wieder scheint einiges schief zu laufen – und dann gibt es einen Toten. Da die Telefone im Sturm ausgefallen sind und die Fähre erst am Montag wieder die Insel anläuft, sind die Besucher für das Wochenende auf sich alleine gestellt, mitten unter ihnen ein Mörder.

So fand ich’s:

Selten ist mir die Bewertung eines Buches so schwer gefallen wie in diesem Fall. Es gab Dinge, die mir gut gefallen haben, anderes hat mich gestört und das Buch war auch nicht so, wie ich es erwartet habe. Dieser Mix löst sich nur schwer in ein griffiges Fazit auf. Deshalb betrachte ich mir am besten die einzelnen Komponenten.

Der Erzähler Paul
Der Journalist Paul Greenblatt erzählt uns aus seiner Sicht die aktuellen Geschehnisse auf der Insel. Er scheint mutig, intelligent und ein guter Beobachter – und damit ein perfekter Erzähler – zu sein, aber trotzdem konnte ich mir manche Dinge, die er erlebt oder die Umgebung, in der eine Szene spielt, oft nur sehr schlecht bildlich vorstellen. Außerdem hat Paul Charakterzüge, die ihn nicht durchweg sympathisch machen.

Aktuelle Ereignisse und Gesprächsaufzeichnungen
Abwechselnd zu den Episoden auf der Insel sind Interviews des Psychiaters Sheldon Lazarus mit allen Teilnehmern dieses Wochenendtrips eingestreut. Diese Kombination aus Handlung im Jetzt und näheres Kennenlernen einer einzelnen Person durch die Interviews fand ich eigentlich eine tolle Idee. Denn was wir in den Interviews erfahren, ist wichtig und lässt das, was im Murder Park aktuell passiert, teilweise in ganz neuem Licht erscheinen. Nur führten die eher trockenen Gesprächsaufzeichnungen zu Unterbrechung der Handlung auf der Insel und damit zu keiner Steigerung der Spannung, sondern ließen sie eher sinken.

Kennenlernen der einzelnen Teilnehmer
Die 12 Personen, die das Wochenende im halb fertigen neuen Vergnügungsresort verbringen, treffen alle ziemlich gleichzeitig aufeinander und auch auf den Leser. Sie werden nur kurz vorgestellt, denn wesentlich mehr Informationen bekommen wir in den einzelnen Interviews. Dass erst im Laufe der Erzählung wichtige Zusammenhänge sichtbar werden, ergibt so machen Aha-Effekt. Weil die Interviews aber erst nach und nach eingestreut waren, fiel es mir lange schwer, manchen Namen einen Charakter zuzuordnen. Ich musste regelmäßig zum Personenverzeichnis am Ende des Buches blättern und das Stichwort „Hauswart“ oder „Tontechniker“ reichte zwar dann schon zur Orientierung, doch das Lesen wurde immer wieder unterbrochen, besonders wenn mehrere Personen miteinander agierten.

Viele neue Erklärungsversuche
Je nachdem, von wem wir die Dinge erfuhren, wurde vieles unterschiedlich dargestellt. Das gehörte zum Konzept der Verwirrung dazu, doch weil ich z. B. nicht einmal festnageln konnte, was dieser neu errichtete Themenpark bezwecken sollte, war das eher frustrierend. Eine gruselig/historische Aufarbeitung der Verbrechen Jeff Bohners? Kulisse für einen skurrilen Themen-Freizeitpark? Ein Krimi-Spiel auf einer einsamen Insel? Action-Partnerbörse für abenteuerlustige Singles? Aufarbeitung der Vergangenheit? Alles zusammen? Nichts davon? Jede dieser Ideen wäre für sich schon alleine ausreichend gewesen, doch weil sie alle im Raum standen, war das Ganze für mich überladen und wirkte tatsächlich ein bisschen unausgegoren.

Andere Erwartungen
Ich hatte eine gewisse Vorstellung davon, wie die Ereignisse auf der Insel ablaufen würden, die nur teilweise erfüllt wurde. Statt der erwarteten actionreichen Versteckspiele und Verfolgungsjagden bekam ich eher grüblerische Überlegungen, zwar schon gespickt mit überraschender Handlung, aber bei weitem nicht in dem Ausmaß, das ich erwartet hatte. Die früheren Erlebnisse der einzelnen Teilnehmer schienen eine weit größere Rolle zu spielen als das, was im Murder Park gegenwärtig passiert, denn das war für meinen Geschmack manchmal schon recht knapp gefasst oder zu bedächtig erzählt. Die Vergangenheit hatte zwar mehr zu bieten, als man ursprünglich glaubte, denn jeder brachte so seine Geheimnisse mit auf die Insel, aber die Aufdeckung passierte für meinen Geschmack zu unspektakulär.

Die Frage danach, wer auf der Insel des Murder Park die neuen Morde begeht und aus welchem Grund und die Art und Weise, wie die Story langsam aufgerollt wurde, hat mich insgesamt aber doch gut unterhalten.

Die Auflösung
Und schließlich konnte mich das Ende trotz ausführlicher (und schon fast ein bisschen zu langatmiger) Erläuterung nicht überzeugen. Zwar wurde alles aufgelöst und begründet, die Motivation der Personen war für mich aber nicht unbedingt nachvollziehbar. Und genau hingeschaut blieben auch ein paar Zufälle zuviel übrig, z. B. wie die Zusammensetzung des Teilnehmerkreises so perfekt passte (ohne zu spoilern kann ich hier leider nicht mehr erklären).

Nun doch ein Fazit
Die Idee hinter dem Buch gefiel mir sehr gut, genauso wie der Aufbau, neben einer aktuellen Handlung auch wichtige Hintergundinformationen für den Leser in Form von Interviws einzusteuen. Auch wenn ich mehr Action und Katz- und Maus-Spiel erwartet hätte, war die Geschichte solide erzählt und rätselhaft genug, um dranzubleiben. Leider ist bei mir der Funke nicht wirklich übergesprungen und das Buch hat es nicht geschafft, mich über schön lesbare Unterhaltung hinaus wirklich zu packen und zu faszinieren.

Mehr dazu:

Kaufen kann man das Buch z. B. bei Amazon.

Weitere (z. T. viel begeistertere) Meinungen zum Buch gibt’s hier:
Buchwelten
Nisnis Bücherliebe
Nicoles Bücherwelt
Thrillertante
Seehases Lesewelt
Zeit für neue Genres
Julia L. Jordan
Leuchtturmwärterns Büchertürmchen (Hörbuch)
Angeltearz liest
Hochhorst
Buchhaim
Kejas Blogbuch (Hörbuch)

 


Vielen Dank an das Bloggerportal und den Heyne Verlag für das Rezensionsexemplar.

6 Comments

  1. Tintenhain 09/08/2017 17:30

    Vielen Dank für die Rezi. Ich werde es also wirklich sein lassen. War eh sehr unentschlossen.

    Liebe Grüße,
    Mona

    • Laberladen 09/08/2017 18:38

      Ja, so ganz perfekt war das Buch für mich leider nicht.

      LG Gabi

  2. angeltearz 09/08/2017 18:53

    Hey,
    ich bin ganz froh, dass es dir auch so geht wie mir. „Die Zelle“ fand ich großartig und hatte viele hohe Erwartungen in den „Murder Park“.
    Hast du „Die Zelle“ schon gelesen?

    Ganz lieben Gruß
    Steffi
    http://www.angeltearz-liest.de

    • Laberladen 09/08/2017 19:00

      Nein „Die Zelle“ kenne ich nicht, aber nachdem sich da alle einig sind, dass das Buch lesenswert ist, werde ich das wohl auf meine Leseliste setzen – ich finde nämlich schon, dass der Autor Talent hat.

      LG Gabi

  3. Kerstin 11/08/2017 07:38

    Hey liebe Gabi,
    hab ich es mir doch fast gedacht. Das Hörbuch ist (wieder mal) deutlich besser bei mir weggekommen. Bei den Namen hatte ich auch große Probleme und habe die meisten Protas auch an ihren Berufen festgemacht.
    Eine sehr schöne und aussagekräftige Rezension hast du da wieder geschrieben.
    Liebe Grüße und herzlichen Dank für das Verlinken. Werden wir auch bald einführen 🙂
    Kerstin

    • Laberladen 11/08/2017 20:13

      Liebe Kerstin,
      selbst wenn es die ungekürzten Hörbuchversionen sind, it es mir schon öfter passiert, dass die Hörversionen besser ankamen als die Prints. Manche Geschichten sollte man eben besser hören als lesen 🙂
      Wenn man’s nur vorher immer wüsste, was die bessere Wahl ist und ob es einen Unterschied macht.

      LG Gabi

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