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365 Tage von Blanka Lipińska – Laura & Massimo #1

Darum geht's:

Laura ist mit Freunden im Urlaub auf Sizilien, als der Mafiaboss Massimo in ihr die Frau erkennt, die ihm bei einer Nahtoderfahrung erschienen ist. Er entführt Laura und will sie dazu bringen, 365 Tage bei ihm zu bleiben. Er ist sicher, dass sie sich in ihn verlieben wird. Und Laura hat tatsächlich Gefühle für den gutaussehenden Mafioso, allerdings nicht nur positive.

So fand ich's:

Das Buch zum NETFLIX-Blockbuster "365 Tage" - heißt es auf der Verlagsseite. Ein Aufkleber auf dem Buchcover preist "365 Tage" als "Der Millionen-Bestseller und Film-Erfolg. Endlich auf Deutsch". Und auch der Hinweis auf "Spiegel Bestseller Platz 1" fehlt nicht. Okay, die Verkaufszahlen sagen erst einmal nichts über die Qualität eines Buches aus, aber man fragt sich doch, ob sich Millionen LeserInnen irren können und hinter diesen Superlativen am Ende doch nur großer Schrott steckt? Ich nehms mal vorweg: Die Antwort lautet JA!

Die Verfilmung kenne ich nicht, dazu kann ich nichts sagen. Ich konzentriere mich nur auf den ersten Band dieser Buch-Trilogie.

Schon alleine der Titel irritiert, denn das Buch spielt nicht innerhalb dieser 365 Tage, sondern umfasst nur ein paar Wochen und auch Laura und Massimo kippen den Plan recht schnell, sich ein Jahr Zeit zu nehmen.

Die Protagonistin Laura wird als sehr erfolgreiche Hotelmanagerin mit Burnout eingeführt. Aber man merkt sehr schnell, dass sie so ziemlich das Gegenteil davon ist. Die hohle Tussi schläft entweder oder säuft sich einen Schwips mit Moet oder Prosecco an und ist in erster Linie daran interessiert, dass Haare, Make Up und Garderobe sitzen. Im Restaurant will sie aufs Klo und landet in der Besenkammer - das zeigt ziemlich am Anfang schon, wie "clever" sie ist, denn sie lässt sich von Massimo zu ihrem Platz zurückführen, ohne auf dem Klo gewesen zu sein.

Garderobe ist ihr überhaupt super wichtig. Sie fragt auch ständig nach, ob ihre Kleidung schon von Sizilien nach Warschau (oder sonst wohin) nachgesendet wurde und wenn nicht, hat der Mafioso Domenico schon die perfekte Ausstattung für sie besorgt. Er ist zwar nicht schwul, benimmt sich aber zu 100 % wie das "schwuler bester Freund"-Klischee schlechthin. Ganz wichtig ist es, die Markennamen für jedes Kleidungsstück, Sonnenbrille oder Handtasche zu nennen. Weil No Name Jeans kämen Laura ja nun unter keinen Umständen an ihren Luxuskörper. Und auch was Massimo trägt, wird im Detail beschrieben. Dabei hat er einen ziemlich klischee-mafiösen Modestil, Anzughose und Hemd in weiß oder schwarz. Ebenso wichtig sind die Autos. Marke und Modell, Leistung usw. werden zuverlässig und werbewirksam genannt, es gibt viele Knöpfe, zu kompliziert für ein dummes Blondchen wie Laura (ja, sie hat braune Haare, färbt sich aber parallel zu ihrer fortschreitenden Verblödung auf Blond um).

Die Sexszenen sind häufig, allerdings innerhalb einer halben Seite abgehandelt, unerotisch, plump, immer eine Mischung aus Gier und Gewalt und nichts, was die Entwicklung der Beziehung oder die Handlung weiterbringt. Irgendwann habe ich drübergelesen, weil ich mich über diesen platten Schmutz geärgert habe. Meistens sind sich Laura und Massimo einig, wenn es um gewaltvollen Sex geht. Und wenn Laura mal nicht so begeistert dabei ist, schafft es Massimos perfekter Schwanz, sie schnell vom Gegenteil zu überzeugen. Oder Massimo nimmt sich einfach, was er will. Massimo betont mehr als einmal, dass es ihm besonders gefällt, wenn seine Partnerin Angst hat. Unterm Strich fand ich diese Szenen sehr zweifelhaft und abstoßend.

Laura ist herzkrank. Was genau sie hat, weiß man nicht. Jeder Arzt muss sie nur oberflächlich anschauen und hat die richtigen Pillen griffbereit. Sie fällt regelmäßig in Ohnmacht, aber sonst behindert sie die Herzkrankheit überhaupt nicht. Sie selbst ignoriert ihre angeschlagene Gesundheit komplett. Alkohol in rauhen Mengen, Drogen, Betäubungsmittel, alles kein Problem für das Herz. Nur wenn sie sich mal falsch aufregt, fällt sie um. Oder gleich von der Luxusjacht ins Meer - aber das kann auch am Vollrausch gelegen haben. Vielleicht hat die Autorin zu viele Schnulzenfilme gesehen, in denen Riechfläschchen im Spitzentaschentuch bereit waren, um die Damen der Gesellschaft aus der Ohnmacht zu holen? Diese Herzkrankheit wäre eine prima Chance gewesen, um Laura ein bisschen aus dem schablonenhaften Charakter herauszuholen. Wie lebt sie damit, hat sie Ängste, versucht sie zu verdrängen, dass sie nicht alles machen kann wie jede gesunde junge Frau? Ich spüre eine kilometergroße Lücke in der Erzählung, wo dieser Aspekt sein sollte.

Massimo ist ein Bösewicht. Gleich am Anfang vergewaltigt er mal "so zwischendurch" die Stewardess seines Privatjets, die er zum ersten Mal sieht. Ermordet einen Mann mit Kopfschuss vor seiner Villa und nicht nur den, Tod oder schwere Verletzungen sind die Patentlösung für alle Widerspenstigen oder Lästigen. Selbst ein Mafioso würde nie so viele Leichen um sich herum aufhäufen und sich dem Risiko aussetzen, dafür ins Gefängnis zu wandern, wenn es nicht für ihn um Leben und Tod geht. Auch Laura gegenüber ist er schnell mit körperlicher Einschüchterung dabei; er drückt sie gegen die Wand, hält sie fest, wirft sie über die Schulter und trägt sie davon oder legt sich komplett auf sie, um sie bewegungsunfähig zu machen. Da hat die Autorin maßlos übertrieben, vermutlich um uns LeserInnen klarzumachen, um was für einen bösen Jungen es sich bei Massimo handelt. Da er nicht einen Hauch von Bedauern oder Schuld spürt, sondern immer schnell mit fadenscheinigen Rechtfertigungen bei der Hand ist, war er mir durch und durch unsympathisch und wirkte obendrein noch sehr künstlich und wie die Karrikatur eines Mafiabosses.

Handlung gibts nicht wirklich, nur eine Aneinanderreihung von überflüssigen Szenen, Shopping, Sauforgien und Sex. Als kleine Garnierung mehrere Exfreunde, die Laura stalken und den Mordinstinkt von Massimo wecken. Kein Aspekt geht auch nur ansatzweise in die Tiefe, dafür gibt es Absurditäten wie heimlich eingesetzte Verhütungsstäbchen, die sich als Ortungschip entpuppen und einiges mehr, was einen kräftig mit den Augen rollen lässt. Die Figuren haben keine Grundsätze und es wird auch nicht beschrieben, was sie motiviert. Innenleben nirgends vorhanden.

Während des Lesens haben meine Mitleserin Ascari und ich unsere Eindrücke unter den Hashtags #365Tage #YayOrNay getwittert. Interssierte können auch dort gerne stöbern und Beispiele und Highlights, die wir herausgepickt haben, genießen. Ich warne aber schon mal davor, dass wir beide das Buch nicht ernst genommen haben, denn das vergeht einem nach wenigen Seiten. Man kann "365 Tage" nur als Karrikatur eines Liebesromans ansehen, wilde Hausfrauenfantasien, sprachlich auf einfachstem Niveau und mit noch kleinerem Anspruch an Figuren, Inhalt und Glaubwürdigkeit. 

Mir ist nicht klar, wie das Buch zum Bestseller werden konnte. Es können doch nicht NUR kritische LeserInnen das Buch beäugt haben, es muss doch auch Menschen geben, denen das Gestümpere ernsthaft gefällt.

Ich habe schon 2017 nach einem "zeitgemäßen erotischen Liebesroman" (der Link führt zu meinem Beitrag und den Buchvorschlägen) gesucht, als mich Frau Carlan mit "Trinity" (der Link führt zu meiner Rezension) abgeschreckt hat. Ich lese bekanntlich fast ausschließlich Liebesromane zwischen Mann und Mann und selbst wenn die mal locker-flockig ohne großen Anspruch als leichte Unterhaltung daher kommen, haben sie sich niemals in solche Niederungen verstiegen wie die, aus der ich "365 Tage" herausgezerrt habe.

Meine Empfehlung: Lasst es bleiben und lest besser irgend ein andere Buch. Egal welches.

Mehr dazu:

Weitere Meinungen zum Buch:
Der Leseratz
Tii und Anas kleine Bücherwelt

 

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Titel: 365 Tage
Original-Titel:
365 dni
Autor/in: Blanka Lipińska
Übersetzer/in: Marlena Breuer, Saskia Herklotz
ISBN / ASIN:
B08HVGJVNQ
Sprache:
Deutsch
Genre: Liebesroman
Serie: Laura & Massimo #1
Verlag:
Blanvalet
Erscheinungsjahr:
2020
Medium:
eBook
Seitenzahl: 400
Klappentext- und Bildquelle sowie Buchdetails: Verlagsseite

 

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ElMa
3 Monate her

Glückwunsch (oder lieber doch nicht?), du bist durch .

Was mich beim Lesen deiner Rezension grad maßlos erschreckt hat: es gibt ernsthaft 3 Bände von dieser Bodenlosigkeit? Nicht.Deren.Ernst!!!
Zudem frage ich mich als eine im Berufsleben langarbeitende Frau, wie man als Dumpfbrot erfolgreiche Hotelmanagerin werden kann, wenn man nicht mal die Toilette findet … aber ja, ich weiß, Fiction darf alles

Ich kann mir nicht vorstellen, dass man solche Bücher mit klarem Verstand freiwillig liest (bei dir war das ja im Dienste der Menschheit ). Von mir bekommst du virtuell ein Tapferkeitskrönchen gerne von von Chanel, Gucci oder LV rübergereicht

LG ElMa

3 Monate her

Liebe Gabi!

Ich feile noch an der Rezi, aber sie kommt wirklich bald, versprochen. Und ich möchte mich auch hier gerne nochmal dafür bedanken, dass du das mit mir zusammen durchgezogen hast! Ich bin mir nicht sicher, ob ich nicht alleine trotz meines Vorwissens doch abgebrochen hätte …

Liebe Grüße
Ascari

Susanne
3 Monate her

Liebe Gabi,

ich bin mächtig stolz auf Dich, dass Du es geschafft hast. Es ist ja noch schlimmer als ich erwartet habe, ein großer Schund. Ich weiß auch nicht, wer diesen Mist kauft. Aber das habe ich mich bei dem „Shades of Grey“ Mist ja auch gedacht. Danke für Deinen Einsatz :-)

LG Susanne

1 Monat her

Hallo Gabi!
Ich musste doch endlich mal deine Rezension zu dem Buch lesen. Nicht weil mich das Buch interessieren würde, sondern weil ich mit Vergnügen die Hashtags über Twitter dazu gelesen habe und Neugierig auf dein abschließendes Fazit war.
Ich kann das ja echt nicht verstehen, dass es immer wieder Bücher gibt in denen die Männer so brutal sind und die Frauen darin trotzdem immer wieder diesen hinterherlaufen und als große Liebe bezeichnen. Dieses Bild ist so furchtbar und ich weiß echt nicht was das darüber aussagt, weil es anscheinend so viele Menschen gut finden und lesen. Wie kann man Gewalt gut finden?
Auf jeden Fall finde ich es sehr gut, dass du deine Meinung so offen und toll darstellst und das du deine Zeit dazu opferst so einen Schund zu lesen. Ich weiß nicht ob ich das könnte.
Habe damals wutentbrannt “Shades of Grey” abgebrochen.
Liebe Grüße
Diana