Insel der Ratten von Jo Nesbø

Darum geht’s:

Eine Pandemie hat die menschliche Gesellschaft an den Rand des Zerfalls gebracht. Das Recht des Stärkeren regiert immer mehr. Die Schulfreunde Colin (ein superreicher Unternehmer) und Will (sein Anwalt) müssen sich und ihre Familien in diesen finsteren Zeiten schützen. Auf welche Weise sie das tun und wie skrupellos sie dabei vorgehen, kann über Leben und Tod entscheiden.

So fand ich’s:

„Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.“ heißt es in Bertold Brechts Dreigroschenoper.

Anwalt Will versucht, sich auch in einer Zukunft an Gerechtigkeit und das Justizsystem zu klammern, in der Polizei und Gerichte immer unwichtiger werden, weil sie die Gesetze nicht mehr durchsetzen können. Banden ziehen durch die Gegend und nehmen sich, was sie wollen. Wer Werte wie Ethik, Gesetzestreue und Nächstenliebe leben will, bringt sich in eine schwache Position und wird mit großer Wahrscheinlichkeit Opfer werden. Und Will muss sich die Frage stellen, ob er sich den Luxus der Moral überhaupt noch leisten kann, als seine eigene Familie angegriffen wird – ausgerechnet von Brad, dem Sohn seines Freundes Colin, der sich zum Boss einer Verbrecherbande aufgeschwungen hat.

Erzählt wird aus der Perspektive von Will und Brads rechter Hand Yvonne, die sich geschickt dabei abwechseln, uns den Verlauf der Dinge miterleben zu lassen. Wie es zu der Lage kommt, in der sich die Bewohner einer US-Großstadt an der Küste befinden – oder vielleicht sogar die ganze Welt – wird nicht erklärt. Wir steigen ein an dem Punkt, als der Verfall der Werte schon einige Zeit im Gange ist und selbst als die eigentliche Pandemie vorbei zu sein scheint, die Folgen dazu geführt haben, dass die Wirtschaft kollabierte und die Zivilgesellschaft sich selbst überlassen wurde.

Ich lese sehr gerne Dystopien und mochte das Szenario sofort. Ich fand Wills Zwiespalt spannend und durch Yvonnes Perspektive wird auch klar, dass selbst die Bösen nicht durch und durch böse sind, sondern oft genug nur dumm, hilflos oder gutgläubig.

In Jo Nesbøs Büchern kommt man eigentlich immer an einen Punkt, an dem man sich für sich selbst in so einer Situation wünscht, man würde stehenbleiben und umkehren. Doch Nesbøs Figuren gehen weiter. Genau ab diesem Punkt werden Nesbøs Geschichten einzigartig und ich liebe es sehr, vom sicheren Sofa aus in diese Abgründe zu blicken.

Aus dem Originaltitel “Rotteøya og andre fortellinger” erahne ich auch ohne Norwegischkenntnisse, dass es neben der “Insel der Ratten” noch andere Geschichten gibt. Die wurden offensichtlich nicht mit übersetzt, sondern nur diese eine in einem Hardcover auf Deutsch herausgebracht. Deshalb hat das Buch auch nur gut 200 Seiten. Die Geschichte der Ratteninsel ist in diesem Format ohne Hast auserzählt, mehr gibt es zu dieser tollen Geschichte nicht zu sagen. Dass die anderen Geschichten nicht ebenfalls übersetzt wurden (und den satten Preis damit eher gerechtfertigt hätten) fand ich sehr schade. Die Geschichte an sich kann für diese Entscheidung aber nichts.

Ich fand die düstere Endzeitstimmung super rübergebracht, den Kampf um Wohl und Wehe der eigenen Familie oder der Ersatzfamilie Verbrechergang absolut nachvollziehbar und in deutlichen Worten ungeschminkt erzählt, das moralische Dilemma interessant und das Ende einfach grandios. Deshalb gibt es ungeachtet der Vermarktung der Geschichte eine begeisterte Leseempfehlung von mir.

Mehr dazu:

Weitere Meinungen zum Buch:
(wird ergänzt)

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Titel: Insel der Ratten
Original-Titel: Rotteøya og andre fortellinger
Autor/in: Jo Nesbø
Übersetzer/in: Günther Frauenlob
ISBN / ASIN:
‎ 978-3550201530
Sprache:
Deutsch
Genre: Dystopischer Thriller
Verlag: Ullstein
Erscheinungsjahr:
2026
Medium:
Hardcover
Seitenzahl: 208
Klappentext- und Bildquelle sowie Buchdetails: Verlagsseite

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