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Like a Dream, eine Benefiz-Anthologie, herausgegeben von Juliane Seidel

Zum 15-jährigen Bestehen des Blogs “Like a Dream”, den Juliane Seidel schon so lange betreibt, erschien die gleichnamige Anthologie, die ich heute vorstellen möchte. Der Erlös aus dem Verkauf geht an das Mainzer LSBTI-Zentrum „LBSK e.V.“, das nicht nur mit der „Bar jeder Sicht“ einen Treffpunkt in Mainz geschaffen hat, sondern auch zahlreiche Gruppen und Vereine unterstützt.

Gesamteindruck:

Diese Anthologie bietet eine große Bandbreite von Gay Geschichten rund um das Motto “Like A Dream” und das sehe ich als großes Plus an, auch wenn es bedeutet, dass mir nicht jede der Erzählungen zusagte. Denn keine ist wie die andere und wenn man nach den persönlichen Vorlieben geht, dann gewinnen manche und verlieren andere. Ich bin vielleicht nicht so offen für Experimente und mir gefallen nicht alle unorthodoxen Ansätze, eine Liebesgeschichte zu erzählen. Das ist aber mein persönlicher Geschmack und auch für den hat sich in dieser Sammlung reichlich Stoff gefunden. Ich kann sagen, dass jede einzelne Geschichte gekonnt erzählt war, und jede für sich das gewisse Etwas in einer eigenen Variante hatte. Auch wenn mir nicht alle Geschichten gefallen haben, gibt es sicher Leser, die genau nach dem suchen, was mich den Kopf schütteln ließ und umgekehrt. Deshalb kann ich die komplette Anthologie uneingeschränkt empfehlen.

 

Die einzelnen Geschichten

Mehr als ein Traum von Karo Stein
Der Ich-Erzähler Sören ist faziniert von dem jungen Mann, der jeden Mittwoch im Cafe Divine traurige Gedichte auf so unnachahmlich gefühlvolle Weise vorträgt.

Ein sehr gelungener Auftakt, der mir prima gefallen hat.

 

Träume für Finn von Elisa Schwarz
Träume sind für Finn in erster Linie Alpträume. Aber seit er Neill kennt, hat sich sein Leben zum Positiven gewandelt. Für manche Leute, mit denen sie nur oberflächlichen Kontakt haben, scheint es, als hätten sich hier zwei Freaks zusammen gefunden. Doch wie perfekt Finn und Neill für einander sind, erfährt und fühlt man in dieser Geschichte, die mich auf melancholische Weise berührt hat.

 

Der unsichtbare Mantel von Sabrina Zelezny
Mariano kehrt nach hause zurück und besucht die Hütte in den Bergen, in denen Gregorio und Victoria lebten. Victoria ist inzwischen gestorben, doch sie hat Mariano eine Geschichte in einem Schulheft hinterlassen. Denn sie hat ihm etwas zu sagen.

Am Ende entscheidet nur der Geschmack und deshalb muss ich leider sagen, dass diese Geschichte meinen persönlichen Lesegeschmack nicht getroffen hat, obwohl sie sehr schön erzählt war.

 

Die Freiheit in Gedanken von Jannis Plastargias

Wir begleiten den syrischen Flüchtling Yasser eine kurze Zeit und erleben mit, wie er versucht, in Deutschland heimisch zu werden. Schon zuhause in Syrien war sein Leben als junger Homosexueller nicht einfach und auch in Deutschland kommen zu den offensichtlichen Problemen noch Gefühlsverwirrungen hinzu.

Yasser ist mir fremd geblieben und auch das abrupte Ende hat mir nicht gefallen. Mir kam die Geschichte vor wie ein Ausschnitt aus einer größeren Erzählung, sie blieb unfertig.

 

Like a dream – Unexpected Regrets von Bianca Nias

Jannis ist in jungen Jahren schon mit einer innovativen Erfindung sehr reich geworden und hat sich komplett aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Der Klatschreporter Felix nutzt die Hochzeit von Jannis’ Schwester Ronja auf Bali aus, um dort dem Millionär aufzulauern – die Fotos, die er dort schießen kann, werden Felix eine Menge Geld einbringen.

Jannis und Felix erzählen abwechselnd und man mag beide sofort, obwohl bei Felix eine kleine Einschränkung dabei ist, weil er durch seinen Beruf naturgemäß die Privatsphäre anderer verletzt. Wie die beiden aufeinander reagieren ist – gemäß dem Titel der Geschichte – unerwartet. Sie hat mir gut gefallen.

 

Ocean Dreams – Die Einsamkeit am Meer von Savannah Lichtenwald

Aus heiterem Himmel kündigt Arik, der den Laden auf Norderney führt. Der Ladenbesitzer, Karl Debus, schickt seinen Sohn Vincent, um inkognito herauszufinden, was den zurückhaltenden Arik dazu veranlasst haben könnte. Auch wenn Arik dem angeblichen Nachfolger Vincent gegenüber verschlossen bleibt, reizt gerade das Vincent dazu, sich näher mit Arik zu beschäftigen.

Schön erzählt mit einem Hauch Mystery ist das eine gefühlvolle Geschichte ganz nach meinem Geschmack.

 

Unter dem Wasser von Thomas Pregel

Ein Wesen, das unter Wasser lebt, erzählt und je mehr man von ihm und seiner Umgebung weiß, desto mehr verschiebt sich der Focus – bis hin zu einer faustdicken Überraschung.

Das Konzept gefiel mir sehr gut, allerdings war mir die Umsetzung zu ausführlich und detailiert, um mich zu fesseln.

 

Mein Held von Jobst Mahrenholz

Alle drei Wochen muss ein anderer Schüler eine Person vorstellen, die er für einen Helden hält. Mailo Steward tritt mit seiner Auswahl eine Lawine los.

Die Erzählstimme von Mailo hat mich sofort erreicht. Seine Geschichte kommt ohne belehrenden Zeigefinger daher, und obwohl eine deutliche Botschaft darin steckt, hat sie auch großen Unterhaltungswert. Eine meiner Lieblinge aus dieser Sammlung.

 

Alb Träume von Anna Maske

Der Alb hat sich einen Menschen ausgewählt, den er nachts heimsucht und von dessen Alb-Träumen er sich ernährt.

Die verwirrenden Träume haben mich irritiert und mir nicht unbedingt viel Lesevergnügen beschert. Hier bleibt es wohl wieder einfach eine Frage des Geschmacks, dass diese durchaus gekonnt erzählte Story bei mir nicht punkten konnte.

 

Alles Gute zum Geburtstag von Alexa Lor

Andreas wird dreissig, aber so richtig kann er sich nicht auf seine Geburtstagsparty freuen. Er ist seit wenigen Monaten in Gregor verliebt, doch für Gregor sind Gefühle für jemanden des eigenen Geschlechts völliges Neuland und er kann sich nur auf eine heimliche Beziehung mit Andreas einlassen. Er will nicht einmal zur privaten Geburtstagsfeier bei Andreas erscheinen. Und so eine Beziehung will Andreas auf Dauer nicht.

Gregor muss sich entscheiden und Andreas ebenso. Genau in dieser kritischen Phase kommen wir Leser hinzu und beobachten die beiden. Die zwei Männer, die Problematik und wie sie uns erzählt wurde, hat mich überzeugt und auch diese Geschichte in den Kreis meiner Lieblinge katapultiert.

 

Klangfarben der Liebe 1965 von Florian Tietgen

Musiker Heinrich soll bei einer Vernissage für musikalische Untermalung sorgen. Nach einem kurzen Gespräch mit dem Künstler Siegfried und einem Blick auf dessen Bilder, weiß er, dass er den Maler schon lange kennt.

Die Atmosphäre in den 60ern, als homosexuelle Liebe noch ein Verbrechen war, wird in dieser Geschichte deutlich vermittelt. Heinrich und Siegfried sind zurückhaltend und vorsichtig, aber man erspürt auch einen gewissen Optimismus und die Chance, die die beiden haben. Eine wunderschöne Geschichte.

 

Bruderliebe von Tanja Meurer

Der Polizist Till kommt zu seinem Bruder Tim nach hause, den er von Herzen liebt. Die beiden Brüder verbindet mehr als nur geschwisterliche Liebe und das konnten sie sich erst innerhalb eines Fantasy-Spieles gestehen. Und dann haben die Zwillinge noch ein weiteres Geheimnis …

Till und Tim packen einen bei den Gefühlen und die unerwartete Wendung erwischt einen kalt. Eine traurige Erzählung, die einen trotzdem getröstet zurücklässt und mich berührt hat.

 

Bacha-Bazi von Laurent Bach

Der afghanische Flüchtling Irfan lebt im deutschen Flüchtlingsheim und kommt mit Alex ins Gespräch. Trotz der sehr unterschiedlichen Leben, die sie führen, stimmt die Chemie zwischen ihnen und es entwickelt sich mehr.

Diese zarte Liebesgeschichte bringt einem die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der beiden Jungs und auch des Schwul-Seins in ihren beiden Ländern ganz nebenbei und zusätzlich zu einer zögerlichen Lovestory näher.

 

Anam Cara von Leann Porter

Ciaran hat endlich seinen Seelengefährten gefunden und ausgerechnet jetzt soll er als neuer Gehilfe des Heilers mit diesem fort gehen.

Die vielen fremdländischen Worte und die oft nur angedeuteten Fakten haben meinen Lesefluss gestört und mich genervt, aber auch hier ist das wieder eine persönliche Macke von mir. Wer geheimnisvolle und atmosphärische Fantasy mag, dem wir diese Geschichte sicher ausgesprochen gut gefallen.

 

Lebe deinen Traum von Chris P. Rolls

Berufsschüler Marco ist fasziniert vom Neuen, Felipe, der aus seiner Homosexualität kein Geheimnis macht und als fröhlicher Paradiesvogel die Klasse und Marcos Herz aufmischt.

Marco muss seinen Weg erst noch finden und wie er das tut, ist sehr lesenswert.

 

Zwillingstraum von Juliane Seidel

Bei “Zusammen finden”, einer anderen Benefiz-Anthologie, hat Juliane Seidel uns schon die beiden Protagonisten Nazar und Kiama vorgestellt und beiden haben sich ganz schnell in mein Herz gespielt. Auch diesmal bezaubert mich das Abenteuer der beiden Zauberlehrlinge und ihre schüchterne Annäherung an einander und bildet einen wunderbaren Abschluss für diese Sammlung.

 

Weitere Meinungen zu dieser Sammlung von Kurzgeschichten:

El Ma hat ebenfalls eine Rezension zu dieser Sammlung geschrieben und Ihre Auswahl an Favoriten unterscheidet sich durchaus von meiner. Ein Blick zu ihrer Besprechung der Anthologie lohnt sich in diesem Fall ganz besonders.

 

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